100 Jahre Alpenfahrt

pfundner buchpräsentation
Buch zur legendären Alpenfahrt

von Martin Pfundner – erschienen im Böhlau-Verlag Wien

Alpenfahrt – Älteste Rallye der Welt

Sie war Österreichs wichtigster Beitrag zur Entwicklung des berg- und alpentauglichen Automobils. Der k.k. Österreichische Automobil Club hat sie 1910 ins Leben gerufen, und sie wurde bis 1914 alljährlich ausgetragen. Damals, vor dem Ersten Weltkrieg, wurde sie von der europäischen Automobilindustrie als die schwerste, bedeutendste und publicity-trächtigste Prüfungsfahrt für Tourenwagen betrachtet. Tollkühne Männer – und vereinzelt auch schon Alpenfahrerinnen – wagten sich mit ihren fragilen Autos an das Abenteuer im Hochgebirge heran. Auf Maultierpfaden mit gefährlichen ungesicherten Abstürzen bezwangen die wagemutigen Alpenfahrer die steilsten Alpenpässe. Der prominenteste Teilnehmer war wohl Erzherzog Karl Franz Josef, der 1916 als Kaiser Karl I. den Thron der Donaumonarchie bestieg, nur um die Krone 1918 zu verlieren. Große Konstrukteure und Industriegründer wie Herbert Austin, August Horch, Hans Ledwinka, Fritz Opel und Ferdinand Porsche fuhren persönlich und erfolgreich bei diesen Alpenfahrten mit. Das führte zu gewaltigen technischen Verbesserungen an den teilnehmenden Wagen, die bis 1914 ein hohes Maß an Bergtauglichkeit erreichten.

Nach dem Weltkrieg mußte das klein gewordene Österreich vorerst pausieren – die schönsten Alpenregionen wie Südtirol mit den Dolomiten und die Ostalpen in Friaul waren an Italien gefallen. Doch der Nimbus der Alpenfahrt produzierte viele Nachahmer. So gab es bald auch Alpenfahrten in Deutschland, Frankreich Italien und der Schweiz, während Österreich sich mit Ungarn zur Alföld-Alpenfahrt zusammentat. Weil das Auto nun auch für den Durchschnittsfahrer alpentauglich geworden war, lösten die Alpenfahrten zahlreiche Hochgebirgs-Straßenbauten zur verkehrsmäßigen Erschließung der Alpen aus, lange bevor es Autobahnen in der Ebene in nennenswertem Ausmaß gab. Dies unterstreicht die Wichtigkeit der Alpenfahrten.

In den Zwischenkriegsjahren entstand aber auch die Vision einer großen grenzüberschreitenden Alpenfahrt, zu der sich die Automobil Clubs aller Alpenstaaten zusammenschlossen. So lief die „Internationale Alpenfahrt“, auch „Coupe Internationale des Alpes“ genannt, von 1928 bis 1936 als wahrhaft panalpines Ereignis. Sie führte über alle wichtigen Alpenpässe Frankreichs, Italiens, der Schweiz, Österreichs, Deutschlands und sogar Jugoslawiens und war wiederum die bedeutendste Tourenwagenprüfung in Europa.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Frankreich de facto das Erbe des „Coupe Internationale des Alpes“ an. In den Jahren 1946 bis 1967 galt sie zu Recht als die bestorganisierte und härteste Rallye der Welt. Sie schloß alle wichtigen Anpenpässe in die Streckenführung ein. In der Qualität der Teilnehmer, wenn auch nicht in der Zahl der Starter, übertraf sie die Rallye Monte Carlo.

Die 1949 wiedergeborene Österreichische Alpenfahrt konnte sich vorerst wegen der Kriegsfolgen nicht mit ihr messen, auch weil ihr Schwerpunkt anfangs nicht beim Automobil, sondern beim Motorrad lag. Dies änderte sich um 1967, als die Österreichische Alpenfahrt für Automobile einen Reformschub erlebte, während die Französische Alpenfahrt an Bedeutung verlor und bald aus dem Kalender verschwand. Als älteste noch laufende Rallye der Welt – ein Jahr älter als die 1911 gegründete Rallye Monte Carlo – erlebte die Österreichische Alpenfahrt nun einen neuen Höhenflug als Europa- und zuletzt Weltmeisterschaftslauf. Die gesamte Weltelite lieferte sich in den österreichischen Bergen erbitterte Kämpfe, welche diese Alpenfahrten unvergeßlich machten.

Dann kam der Ölschock des Jahres 1973, und urplötzlich wurde das Goldene Buch der Alpenfahrt abrupt zugeklappt. Sie lebt aber in einer Vielzahl von historischen Oldtimer-Rallyes und im Bewußtsein der Menschen weiter, im Speziellen aber mit der Internationalen Österreichischen Alpenfahrt Classic Rallye mit Start und Ziel in Bad Kleinkirchheim.

Ing. Martin Pfundner


Geb. 1930 (gest. 18. April 2016 | Nachruf), nahm in den fünfziger Jahren an sieben Alpenfahrten teil und war während seines Studiums an der TH Wien Korrespondent der wichtigsten europäischen Fachzeit-schriften. Er wurde Rennleiter des ersten Flugplatzrennens Wien-Aspern (1957) und der ersten beiden Großen Preise von Österreich in Zeltweg (1963/64), dann Vorstandsmitglied der Fédération Internationale de l’Automobile (Paris) und Vizepräsident ihrer internationalen Sportkommission sowie Vorstandsmitglied des ÖAMTC. So hat er die Entwicklung des Automobilismus und Motorsports durch ein halbes Jahrhundert miterlebt, teilweise mitgestaltet und als Mitgründer und Herausgeber der Autorevue (Wien) sowie Chefredakteur von Auto-Jahr (Lausanne) auch dokumentiert. Er ist Verfasser von sieben Büchern zur Automobilgeschichte. Hauptberuflich war Martin Pfundner anfangs Glockengießer in der väterlichen Firma, dann Vorstandsdirektor von General Motors / Opel Austria. Er ist Ehrenvorsitzender der Österreichischen Automobilimporteure in der Industriellenvereinigung.

Publikationen bei Böhlau:
Vom Semmering zum Grand Prix
Die Alpenfahrt 1910-1973